Andrea Schacht - Die Ungehorsame
Kurzbeschreibung
Ein großer historischer Roman aus der Zeit des Freiherrn Knigge
Bonn, 1842. Als die unscheinbare Leonie Gutermann und Landvermesser Hendryk Mansel sich das Jawort geben, bebt die Erde. Niemand mag an ein Omen glauben, doch in der Zweckehe kündigen sich schon bald Turbulenzen an. Beide hüten Geheimnisse voreinander, doch die Fassade bekommt erste Risse. Als auf Hendryk ein Anschlag verübt und auch Leonie bedroht wird, müssen sie sich ihrer Vergangenheit stellen – und ihren Herzen …
Die Geschichte hat viel zu lange 200 Seiten gebraucht, bis sie mich in den Bann gezogen hat, bis die Atmosphäre spürbar wurde und die Figuren ein Gesicht bekamen. Insbesondere Leonie bleibt bis dahin blass und konturlos.
Die Geheimnisse, die die Eheleute voreinander haben, werden zwar immer als solche erwähnt, aber die Geschichten dahinter entfalten sich viel zu zögerlich. Auch hier ist Leonies Leben viel zu dürftig gehalten, ihr Verhalten nicht schlüssig oder herleitbar. Das bleibt allerdings auch nach dem Aufdecken ihrer Erlebnisse der Fall. Wer ein solch intensives Thema in ein Buch aufnimmt, sollte ihm wenigstens die verdiente Aufmerksamkeit widmen, Sensibilität walten lassen und das nicht einfach so dahinschluddern. Hier kam mir der unangenehme Verdacht, dass es ein möglichst "großes Thema" sein sollte, um Aufmerksamkeit und Mitgefühl zu erzeugen. Das ist leider sehr schlecht umgesetzt, die Figur hätte man glaubhafter gestalten können.
Insgesamt fehlen einigen Personen und Handlungen die Tiefe. Weshalb man einen Geheimorden anlegen musste, dessen Sinn, Zweck und Bedeutung, die er für die Mitglieder hat, überhaupt nicht näher erläutert wird, erschließt sich mir nicht. Auch hier wurde aufmerksamkeitsheischend lediglich über deren sexuelle Perversionen referiert, vielleicht um die Geschichte irgendwie rund zu kriegen.
Zu den inhaltlichen Schwächen gesellen sich dann Sätze wie "Leicht gewölbt lagen die Wimpern wie vergoldet auf ihren Wangen ..." (TB Seite 235), über deren Machbarkeit man noch Seiten später kopfschüttelnd sinniert. Auch hat sich mir die Titelwahl bis dato nicht erschlossen.
Die Sprache variiert und bleibt sich stilistisch nicht treu. Ein paar Kapitel lang werden zeittypisch französische Worte eingebaut, dann werden einige altdeutsche Begriffe eingestreut, aber einen roten Faden kann man hier leider nicht erkennen.
All diese Mängel sind besonders ärgerlich, da die Geschichte an sich viel mehr hergegeben hätte, wäre sie nur besser ausgearbeitet worden. Hier ist immenses Potential nicht genutzt worden. Dass das möglich gewesen wäre, zeigt sich auf den letzten 200 Seiten, in denen die Personen Tiefe kriegen, die Geschichte plötzlich doch wieder Fahrt aufnimmt und an Intensität gewinnt. Geht doch, denkt man sich - warum nicht von Anfang an so? Schade, dass das Lektorat bei diesem Buch nicht häufiger Vetos eingelegt hat.
In einigen anderen Rezensionen klingt durchaus herbe Kritik an, aber trotzdem werden ordentlich Sterne vergeben. Warum eigentlich? Ich bin nicht mehr willens, frühere Leistung zu honorieren und diese als mildernden Faktor in die Bewertung einfließen zu lassen. Andrea Schacht hatte sich mit Werken wie z. B. "Der Tag mit Tiger" und der "Beginen-Reihe" in mein Herz geschrieben. Und mit diesen Masse-statt-Klasse-Werken der letzten Jahre, wie auch "Die Ungehorsame" für mich eines ist, hat sie sich leider auch sukzessive wieder rausgeschrieben. Was niemand mehr bedauert als ich selbst.
Fazit: Wer das langatmige Intro, inhaltliche Schwächen und all die gerügten Dinge überlesen kann, der kriegt einen netten historischen Roman angeboten.




